Zur Ausstellung



Mayr Bernhard (A)

fliehend fleeting

Fotografien und Texte

fliehend fleeting

Datum: 24.03.2010 - 17.04.2010

Eröffnung: 23.03.2010 um 19 Uhr



Zentrales Thema in Bernhard Mayrs fotografischem Werk fliehend ist der Mensch im Spannungsfeld in der Großstadtumgebung. Seine höchst ästhetischen Bild- und Erzählwelten wirken skurril und poetisch zugleich, die Bilddramaturgie ist bis aufs äußerste gespannt. Der Fotograf schöpft seine Inspiration aus dem Wechselspiel des gegebenen Großstadtalltags in Sydney (Australien) und der eigenen Sichtweise und lässt ein faszinierendes Stadt- und Menschenportrait entstehen.

Die Ausstellung wird am Dienstag, den 23. März um 19 Uhr eröffnet. Zur Eröffnung spricht Gerhard Pisek vom Institut für Anglistik der Universität Innsbruck.

Der Fotograf Bernhard Mayr spürt seine Bilder in der Nähe des Alltags, in der Nähe des ganz normalen, stumpfen Bewegungsflusses auf. Durch eine minimale Verschiebung der Perspektive jedoch entstehen neue Zusammenhänge: die bewußte Auswahl des Hintergrundes, das Warten auf das richtige Licht und vor allem das gezielte Herauslösen eines zugespitzten, kurz aufflackernden Moments, schafft neue Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Neu oder vielmehr überraschend sind diese Beziehungen nur deshalb, weil sie Ereignisse und Begegnungen zeigen, die in deren Komplexität und in deren Kurzlebigkeit vom natürlichen Auge nicht eingefroren werden können. Es bedarf einer Kamera, die solche mehrdimensionalen Erzählebenen bestehend aus Vordergrund, Hintergrund und einem fiebrigen Treiben dazwischen auf eine Ebene beziehen kann und diesen Sumpf aus Bewegung, Licht und Umgebung ordnet und dem Betrachter auf diese Weise einen fiebrigen Moment als ruhiges Bild zugänglich macht.

Es geht um verborgene, dem natürlichen Auge kaum zugängliche Bilderwelten.
Es geht um heimliche, flüchtige Freuden des Alltags, denen man wie allem Verborgenen in kleinen Schritten näher kommen und die man langsam freischürfen muß.

Der Protagonist in Paul Auster’s Buch Mond über Manhattan war gezwungen, seinem blinden, an den Rollstuhl gefesselten Freund Effing die Umgebung zu beschreiben. Seine Schilderungen des Bemühens einer getreuen, gerechten Wiedergabe der Dinge erzählen von dem scheinbar steten Problem, einen frischen, unvoreingenommenen Blick zurückzugewinnen:

Meine ersten Versuche mit Effing waren kläglich ungenau, bloße Schatten, die über einen verschwommenen Hintergrund huschten. Ich kannte all diese Dinge doch, sagte ich mir, wie konnte es da irgenwelche Probleme geben, sie zu beschreiben? Ein Hydrant, ein Taxi, ein Dampfstrahl, der aus dem Bürgersteig strömte - all das war mir zutiefst vertraut, ich glaubte es in- und auswendig zu kennen. Aber damit ließ ich die Veränderlichkeit dieser Dinge außer Betracht, die Art und Weise, wie sie sich je nach Stärke und Einfallswinkel des Lichts veränderten, wie ihr Anblick sich wandeln konnte durch das, was um sie herum geschah: einen vorbeigehenden Passanten, einen plötzlichen Windstoß, eine seltsame Reflexion. Alles war ständig in Fluß [...]. Mir wurde klar, daß ich es mir nie angewöhnt hatte, die Dinge genau zu betrachten, und als ich jetzt danach gefragt wurde, war das Ergebnis erschreckend unzureichend. Bis dahin hatte ich immer dazu geneigt zu verallgemeinern, eher die Ähnlichkeiten zwischen den Dingen zu sehen als ihre Unterschiede. Jetzt stürzte ich kopfüber in eine Welt von Einzelheiten ...

Die Bilder der Serie fliehend entstanden in Sydney; einer Stadt, die einen frischen, unvoreingenommenen Blick behindert. Ständig ist sie bemüht, ihr Selbstverständnis und das, womit sie bunte Reiseprospekte füllt, dem Betrachter entgegenzuwerfen; fast so, als würde sie Besitzansprüche auf die Sichtweise ihrer Besucher ausüben. Der Ruf, der dieser Stadt vorauseilt, scheint die Sicht auf verborgene Bildwelten zu versperren.

Mit seinen Bildern will Bernhard Mayr die Kenntnis dieser Stadt nicht bestätigen und protokollieren, sondern ihr Treiben genau betrachten, sie neu bewerten und an ihrem Alltag messen. Ungeachtet der freundlichen Fassade will er den Typus der Großstadt freischürfen, der seine Bewohner im Echo seiner Signale und Reize auf seinem architektonischen Raster aus Beton und Stahl kreisen lässt.


fliehend/fleeting ist auch als Buch erschienen: 29,5 x 24 cm, Querformat, 138 Seiten, gedruckt auf arctic the volume, 170 g, 68 Bilder in s/w, in schwarzem Naturleinen gebunden, Schutzumschlag; mit Texten von Paul Auster, Hugo Hamilton und Edmond Jabés. isbn 3-200-00537-8, eur 44.-


Bernhard Mayr, geb. 1976, lebt und arbeitet in Graz, Studium d. Anglistik/Amerikanistik, Stipendium an der Maquarie University in Sydney, Herausgabe der Bücher fliehend/fleeting, strandgut und manincor im Eigenverlag, Prämierung beim Kunstpreis der RLB Innsbruck 2006, dem deutschen Fotobuchpreis, dem Wettbewerb die Macht der Sprache des Goethe Instituts Dresden, dem Wettbewerb schönstes Buch Österreichs, in der Kategorie best international photography books bei der Photo España Madrid, Einzel- und Gruppenausstellungen u.a. an der Akademie der Künste Berlin, in der Kunstbrücke Innsbruck, der Galerie der RBK Wörgl und im Rahmen der oberösterreichischen Landesausstellung im Stift Schlierbach; Lehrauftrag an der Schule für künstlerische Photographie, Wien.