CHINA – SO NAH?
Fotografie einer fragilen Identität –Im Augenblick unsterblich
Text von Brunamaria Dal Lago Veneri
Ist es möglich, in einer Aufnahme den Kern der Zeit zu erfassen? Griechen und Römer verbanden den Begriff Zeit mit einem Verlust an Lebenszeit; die Ewigkeit stimmte mit der Fülle des Augenblicks überein. Die Fotografie führt uns zu dieser Auffassung zurück, konkretisiert und belebt sie.
Im Unterschied zum Spiegel, der unsere Veränderungen verfolgt und begleitet, friert die Fotografie diese Augenblicke in eine Beinah-Ewigkeit ein, in eine unvergängliche Vergangenheit, die, anders als die bildlichen Erinnerungen, nicht so rasch verfärbt und unscharf wird wie die Bilder der Erinnerung verblassen oder ihren Farbeffekt verändern.
Die Fotografie behält eine eigensinnige Starrheit bei, ist unbestechliche Zeugin der Veränderung. Fotografie vergisst nicht, stellt nicht eine labile Spur der Vergangenheit dar, sondern löst einen Effekt der Übertragung reeller Aspekte aus, die, so überarbeitet oder ausgewählt sie auch sein mögen, dennoch ihr Dasein behaupten. Das Betrachten eines Fotos bedeutet Versinken in Zeit und Raum, ermöglicht, diese Dimension hinter der platten Bildfläche wieder zu finden.
Unser Leben ist wehrlos, hat keine Schutzmauern gegen den Tod. Fotografieren heißt, den Augenblick fixieren und dadurch an der Sterblichkeit und Verwundbarkeit teilnehmen. Gleichzeitig ist Fotografie eine Miniatur der Ewigkeit.
Die Fotografie hilft uns, aus unserer Verschlossenheit auszubrechen, gedankliche und emotionale Brücken zu schlagen zu anderen Existenzen, anderen Erscheinungen der Realität. Jede dieser visuellen Erfahrungen setzt Intelligenz und Imagination in Gang, gibt einen Impuls, uns anderen Welten zu öffnen.
Ist China so nah?
Einer Art Geometrie folgend, die nicht euklidisch, sondern psychisch ist, gelingt es uns, unzählige Leben einzuverleiben, die parallel zu unserem verlaufen – und das in einem Schnappschuss, Bruchteil der Zeit…
Gewiss - Personen und Sachen verändern und entwickeln sich, altern und sterben, werden zerstört, umgewandelt. Im Foto aber bleiben sie unverändert.
In dieser durch die Technik geschaffenen, unbeweglichen Ewigkeit können wir immer wieder das stille Werk der Zeit wahrnehmen.
Das Leitmotiv der beiden jungen Künstler Milena und Jérémie, die eben mit dem Einfangen der Zeit arbeiten, lautet: Utopie, Versinken, Melancholie. Utopie des Festhaltens, Versinken in die Zerbrechlichkeit des Unterfangens, Melancholie ob der menschlichen Unfähigkeit, den Augenblick im Sinne Goethes festzuhalten.
Den Fotografen das Wort zu ihrem Werk:
CHINA
"Wir waren genau vier Wochen in China, im Juni 2007. Nach eineinhalb Monaten Russland fast ein Schock. Plötzlich war es Sommer, plötzlich hatte sich die Leere Sibiriens mit farbenfrohen Details, Düften und unaufhörlichen Geräuschen gefüllt."
Wir haben drei Städte besichtigt: Peking, Chongqing und Shangai und eine Kreuzfahrt auf dem Jangtse gemacht, bis zu dem riesigen Staudamm, der vor einigen Jahren errichtet wurde. Chongqing war die interessanteste Stadt. Sie liegt auf einer Halbinsel, am Zusammenfluss von Jangtse und Jaling. Im Grunde ist es ein Hügel mit vielen Stiegen, die zum Fluss hinabführen und zwei Seilbahnen über dem Fluss. Oben auf dem Hügel gibt es sehr viele Wolkenkratzer: Luxushotels, teuere Einkaufszentren und sehr saubere Straßen. Rechts und links zum Fluss absteigend ältere Gebäude und arme Leute. An der Spitze der Halbinsel ein Platz für Vorführungen und der Flusshafen."
CHINA: METHODE
"Wir sind, eher vom Zufall getrieben, durchschnittlich drei Stunden durch die Stadt spaziert (die Stadtpläne von Chongqing können, trotz häufiger Aktualisierungen, mit der raschen Veränderung der Stadt nicht Schritt halten) und haben das fotografiert, was wir gesehen haben, ohne uns vorher einen Plan gemacht zu haben. An dieser Methode halten wir fest und staunen immer wieder darüber, wie selten man die „Klischees“, die Kalenderfotos vorfinden kann, die man bereits im Kopf hat. Damit möchten wir sagen, dass wir nicht ein „Best-Of“ der schönen oder schlechten Seiten machen wollen. Wir versuchen Indizien zu finden, die es ermöglichen, das zu vermitteln, was wir bei unserem Umherschweifen gesehen und festgestellt haben. Da wir hauptsächlich riesige Kontraste, Barrieren und Plakate entdeckt haben, hat sich unser Augenmerk gerade in der Auswahl auf diese Elemente gerichtet."
CHINA: DIE AUSSTELLUNG
"Wir stellen zum dritten Mal Fotos unsere Chinareise aus (die Fotos von Sibirien waren bei den “ Journées photographiques“ in Chaors zu sehen). Sieben China-Fotos wurden beim „Fete KultuRel“ im Haus der Religionen in Bern ausgestellt und zwei im Kunstmuseum Graubünden bei der „Jahresausstellung der Bündner Künstler“, bei der wir viel Erfolg geerntet haben."
16 Fotos, 11 im Format 40x60cm und 5 im Format 53x80cm. Es sind Vergrößerungen von Farbfilmen im Kleinformat.

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