
Die Fotografin Lena Lapschina (*1965) aus West-Sibirien dokumentiert mit Kamera und Teleobjektiv von ihrem Schlafzimmerfenster aus im siebten Stock des Gasometers B in Wien den kuriosen und beeindruckenden urbanen Mikrokosmos vor ihren Füssen. Die neu errichtete Wohnanlage im Industriegebiet empfindet die Künstlerin als „eine Art Bohrinsel in der Wildnis“, einen Satelliten mit Nahversorgung und U-Bahn-Anschluss.
Wegen der interessanten Architektur ist sie in den von Coop Himmelb(l)au realisierten Bau gezogen, und auch, weil der Flughafen gleich in der Nähe ist.
Genau 2003 Bilder hat Lapschina mit ihrer mit einem 1000-Millimeter-Teleobjektiv ausgerüsteten Zenit-Kamera in den Jahren 2004 bis 2005 aus ihrem Fenster heraus geschossen. 1900 davon sind in der 22-minütigen Bilderfolge „1000 mm – oder: Das Schlafzimmerfenster“ als Doppelprojektion zu sehen. Die Künstlerin als Beobachterin von Suburbia hat die Bilderflut mit Trip-Hop-Beats unterlegt und in Themenbereiche gegliedert: Arbeit, Kinder, Tiere, Winter, Hunde, Essen, Telefonieren, Fotografieren, Am-Auto-Herumbasteln oder Wasserlassen.
Es käme einer grobschlächtigen Verkürzung gleich, sollte jemand die Arbeit „1000 mm“ bloß als eine Voyeursache bezeichnen. Die Künstlerin nennt ihr Werk vielmehr eine „Untersuchung des täglichen/nächtlichen sozialen Verhaltens“ im Sinne einer künstlerischen Feldforschung.
Die Gegensätze sind kontrastreich gewählt: Auf der einen Seite kitschige Landlebenidylle mit weidenden Fiakerpferden. Dann ein Drogenkranker, der sich auf den Stufen zum Gasometer einen Schuss setzt. Hier Familie Biedermann hinter hohen Mauern aus Reklametafeln bei der Gartenarbeit. Dort Streetgangs, die auf den nächsten Kampf lauern. Alles, ohne je wechselnden Aussichtspunkt.
Aufregende Ereignisse wie einen Kuss, nackte Senioren auf der Saunaterrasse des Tenniscenters oder den feschen Sänger der Gruppe Him beim Autogramme schreiben rechtzeitig in den vergrößerten Ausschnitt zu bekommen, erweist sich als Geduldsarbeit am Auslöser: „Wenn du’s endlich im Bild hast, ist manchmal schon alles vorüber“, erzählt Lapschina. „Ich habe etwa noch nie eine Frau beim Pinkeln hinterm Gebüsch fotografiert.“
Paolo Bianchi