Tecla

Datum: 30.04.2008 - 17.05.2008

Eröffnung: 29.04.2008 um 19 Uhr



Die Serie Tecla von Giovanni Zaffagnini bewegt sich zwischen Tag und Nacht und treibt in  einem zeitlich wie auch räumlich undefiniertem Raum. Dies beschreibt auch der Titel, den die Serie trägt: Tecla ist, in Italo Calvinos Le città invisibili, die Stadt, die sich in ständigem Umbau befindet, die mysteriöse Stadt, die einen Anfang aber kein Ende hat.
Auf diese Calvino'sche Stadt nimmt Zaffagnini Bezug, er stellt seine Untersuchungen des öfteren in Bezug zur Literatur; er verknüpfte seine Arbeiten mit anderen Schriftstellern und Dichtern, von Campana zu Pessoa, um nur einige Beispiele zu nennen.

Thema dieser Arbeit ist die Baustelle. Die Arbeit ist zwischen 1989 und 1992 entstanden;
zeitgleich begann das Thema Baustelle als Typus von Landschaft in die zeitgenössische Fotografie Einzug zu halten. Aus ästhetischer Sicht besteht die Einzigartigkeit von Tecla   darin, dass die Baustelle einen Transformationsprozess durchläuft und dann so dargestellt wird, als wenn sie nicht eine unbegrenzte Landschaft wäre, sondern eine festgelegte und abgeschlossene: in einen romantischen Nebel gehüllt oder zerstreut im Dunkel der Nacht.
Diese Verschiebung des ästhetischen Augenmerks auf die Orte und die Strukturen der Baustelle signalisiert nicht nur die Ausweitung des Begriffs von Landschaft zu neuartigen Orten, sondern auch die Möglichkeit, die eigenen Methoden und die eigene Sprache in einer sehr freien Art und Weise anzuwenden: die Landschaft wird zum Vorwand, eine Arbeit zu entwickeln, deren Objekt in Wirklichkeit die Kodizes der Fotografie sind.
Eine Untersuchung, in die sich Zaffagnini oft auch experimentell vorgewagt hat (indem er  z. B. Fotografien zerrissen und deren Überreste ausgestellt hat), immer die Anklammerung an das Thema der Landschaft vermeidend, die viele seiner Zeitgenossen charakterisiert.

Für den Fotograf sind Tag und Nacht auch das Positiv und das Negativ der Fotografie.
Positiv und Negativ bedeuten nicht nur die zwei Gesichter der Abbildung (die Matrix und der Druck), sondern auch das Licht und das Dunkel, das Helle und das Dunkle. Sie bedeuten für Zaffagnini außerdem, die Farbe einer Behandlung zu unterziehen, die sie in einem gewissen Sinne schwarz-weiß erscheinen lässt: in den Fotografien, die bei Tag entstanden sind, vermeidet er soweit es geht leuchtende Farben (indem er die Farbtöne des Drucks aufhellt und sich des Nebels als Verbündeten bedient), bei denen bei Nacht entstandenen negiert er die Farben, indem er sie ins Dunkel der Nacht schiebt.
Aus diesen tauchen bloß verstreute Zeichen, Spuren, Materien auf, dem Dunkel durch den Blitz entrissen, nur kleine Teile werden hervorholt, er befreit Teile der Szenerie, und gibt sie der Sichtbarkeit zurück.
Der Sinn, der Tecla übergreifend dominiert, ist der eines eigenartigen Gleichgewichts zwischen Erscheinen und Verschwinden der Landschaft: welcher dieser beiden Zustände, der eine, der der Existenz der Landschaft vorausgeht und der andere, der ihr nachfolgt, sich durchsetzen wird, ist sehr schwierig zu sagen.

Roberta Valtorta, 12 April 2008