Ronka Oberhammer (A), Mauro Raffini (I), Lukas Schaller (A), Marcus Schwier (D)
Andere Ufer:
Nie ist die Nacht ganz Dunkel
Fotografie ist manchmal so etwas wie ein Rufer in der Dämmerung. Taucht auf, aus dem Nichts, am anderen Ufer. Chimäre, ein Bild, das sich aus der Dunkelheit formt oder in der Dämmerung zu versinken droht. Der Fotografie ist das Dunkel manchmal Licht genug, Finsternis ist für sie der Ort luzider Welterkenntnis. Nie ist die Nacht ganz Dunkel, nie ist der Schleier der Dämmerung undurchdringlich, nie ist die Finsternis vollkommen. Licht ist immer, überall - und so beschreiben fotografische Bilder der Nacht stets ein Zwischenstadium.
Beschaut man die hier versammelten Künstlerinnen und Künstler, so lässt sich bei allen Unterschieden doch eine Gemeinsamkeit feststellen. Wer Nachts fotografiert, dem geht es nicht um die Dokumentation der Wirklichkeit, im Gegenteil. Die Sphären des Unscharfen, des Unentschiedenen wollen sie ausleuchten, verborgene Bilder im Zwielicht fixieren, all jene grauen Katzen einfangen, die durch die Nacht schleichen.
Die Nacht kann viele Farben haben. Bei Marcus Schwiers in den USA entstandener Serie „Nightshots“ etwa leuchten die von Straßenlaternen illuminierten Häuser besonders geheimnisvoll. Der 1964 geborene Düsseldorfer Fotograf zeigt einsame Straßenkreuzungen, kein Mensch ist zu sehen. Es ist ein gänzlich entsiedelter Ort, an dem man ein Theaterstück über Einsamkeit und Verlassenheit aufführen könnte.
Nicht die Realität ist Schwiers Metier, sondern die Sphäre des Geheimnisvollen, des Fiktionalen und Artifiziellen. Auch bei dem 1973 in Lienz geborenen, in Wien lebenden Lukas Schaller ist die künstliche Beleuchtung essenzieller Teil der fotografischen Aufnahme. Mit hohen Zäunen gesicherte, von Flutlicht erleuchtete Sport- und Spielplätze an der Wiener Außenring-Autobahn fotografiert Schaller, in den neunziger Jahren entstandene Zweckbauten, die man im Volksmund „Gürtelkäfige“ nennt und die bei Tag kaum auffallen.
So auch die 1972 in Innsbruck geborene Künstlerin Ronka Oberhammer, die schon seit einigen Jahren in Berlin lebt: Ihre im Jahr 2006 entstandene Serie „Finster im Wald“ erzählt das grausige, doch glücklich endende Märchen von Hänsel und Gretel frei nach. Dabei arbeitet Oberhammer mit einer Lochkamera, einer umgebauten alten Rollfilmkamera ohne Linse, was die ungewöhnliche Anmutung dieser düsteren, Gewalt suggerierenden Bilder ermöglicht.
Mauro Raffinis Serie „ora blu“ widmet sich jener Zeitspanne, die man die „Blaue Stunde“ nennt, jene kurze Zeit zwischen Sonnenuntergang und nächtlicher Dämmerung, die in Mitteleuropa kaum mehr als 30 Minuten umfasst. Raffini, 1946 in Cuneo im Piemont geboren, weiß um die Besonderheit jener Zeit, in der das natürliche Licht eine ähnliche Helligkeit besitzt wie das künstliche Licht in den Städten. Seine kulissenhaften Stadtansichten und -Panoramen schimmern tiefblau, changieren ins Orange, Rötliche oder Graublau – und auch sie sind fotografische Existenzbeweise einer zeitlichen Grenze.
Marc Peschke (www.marcpeschke.de)