MIMMO JODICE gilt als einer der bedeutendsten italienischen Meister der Fotografie: die künstlerische Aussage seiner Arbeiten geht weit über die üblich anerkannten dokumentarischen Eigenschaften des Mediums hinaus.
Aus der reifsten Schaffensperiode dieses Fotokünstlers zeigt die Galerie foto-forum eine Werkgruppe, in der seine persönliche Ästhetik voll zum Tragen kommt: Es handelt sich um den Zyklus „Eden“ (1994 – 1998) aus der Kunstsammlung Anna Rosa und Giovanni Cotroneo, Leihgabe im Museo d’Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto.
Die Fotos von Mimmo Jodice sind meistens quadratisch und immer schwarz–weiß. Die in Bozen ausgestellten Bilder zeigen Elemente aus der Natur, archäologische Funde, Alltagsgegenstände, Organisches und kaum Menschen; diese werden nur durch unbedeutende Fragmente angedeutet. „Die Fotografie ist für Jodice nicht ein Mittel, Phänomene aus der Wirklichkeit abzubilden: sie werden in der ständigen und unermüdlichen Begegnung mit dem Absoluten eher umgewandelt. Seine jüngsten Werke zeigen diesen tiefen Drang mit der einfachen und verblüffenden Klarheit der Großen Meister, eine Errungenschaft jahrelanger intensiver Suche“ so Giorgio Verzotti im Katalog erschienen bei Skira.
Schon in seinen Anfängen Mitte der 1960er Jahre betrachtet Jodice die Fotokunst als Ausdrucksform, die es zu hinterfragen gilt: ein Experimentierfeld. Seine ruhelose Recherche ist in der Frage verwurzelt, in der das technische Medium auf halb Weg steht zwischen der Wirklichkeit, zu verstehen als die äußere Welt des Handelns, und der Sprache, der inneren Welt der „voci di dentro“, die zum Bewusstsein gelangen wollen. Das Werk steht, sobald es diese Beziehung gibt.
Die künstlerische Laufbahn beginnt in Neapel, Stadt in der er auch geboren wurde. In den 1960er Jahren unternimmt er auch anthropologische Untersuchungen und setzt sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinander: diese Arbeiten decken sich aber kaum mit der klassischen Reportagefotografie. Das Interesse gilt mehr der Kulisse als der Handlung, mehr der Maske und der Gestik, als dem Geschehen: es geht um das Staffeln des Blickfeldes und die Analyse des symbolischen Charakters des Lichtes und des Raumes, in dem sich die Gestalten bewegen. 1978 verschwinden die Menschen als Gestalt aus der Fotografie von Mimmo Jodice; übrig bleibt die leere Stadt als metaphysischer Behälter. Die Bilder aus der Werkgruppe „Eden“ entstehen aus der Wiederbelebung des in der zeitgenössischen Kunst und Fotografie eher unüblichen Genres der „natura morta“. Jodice geht diese Herausforderung nicht mit Bezug auf die Tradition der Malerei an, von der er sich weitgehend distanziert, sondern durch das Eintauchen in das Universum der Waren, in das Tägliche: gerade das, was er bis damals peinlichst gemieden hatte.
„Es geht um Waren, nicht um Dinge oder Elemente aus der Natur, das abgebildete Tägliche ist weder unschuldig noch aufbauend. Der Künstler irrt durch die Stadt in einer neuen und unbarmherzigen flanerie und fängt die in den Schaufenstern ausgestellten Gegenstände ein: Waren, die das Tägliche ausmachen.“ (Giorgio Verzotti) Auch hier, wie bereits in vorhergehenden Arbeiten, entsteht im Leblosen eine eigenartige und befremdende Tiefe durch das „Bewegen“ der Bilder, die verschwommenen Konturen und die Reflexe im Glas der Schaufenster: das ohnehin schon vorhandene Gefühl des Unbehagens wird dadurch noch verschärft. „Wenn Jodice für eine kurze Zeit zur Welt der Dinge zurückkehrt, zur Welt des Bedingten, dann gilt es, die Zeichen des Todes wahrzunehmen und das moralische Urteil über die Aggressivität - oder sogar Gewalt - in unserer Beziehung zu den Dingen“.